März 2020.

Unsere erste WoMo-Reise nach PRAG (!?) – mit unerwarteten Hindernissen … es wurde nämlich eine spontane, um nicht zu sagen irrwitzige Fahrt quer durch den Süden der Republik. Weil es so abstrus wurde, hier ein kleiner Einblick in das Reisetragebuch.

Inhalt:

Überraschende Information auf der Autobahn

„I auch“ (I-AU-CH): So fing alles an. Auf unserer Reise nach Tschechien sehen wir plötzlich so merkwürdige Nachrichten über der Autobahn eingeblendet – „Coronahinweise“, Einblendungen die wir noch gar nicht so recht zuordnen können!?

Doch der Reihe nach …

Am 13. März 2020 starten wir mit einem gemieteten Wohnmobil zu einer Fahrt nach Prag. Dort findet die Schachweltmeisterschaft der Senioren statt, an der ich teilnehmen möchte. So zumindest der Plan. Doch nach nur zwei Stunden Fahrtzeit – schon am späten Nachmittag – auf der Höhe von Bingen die Ernüchterung im Radio: Tschechien macht die Grenzen dicht – Corona-Alarm! Und kurz darauf die Nachricht: die Schach-WM ist abgesagt. Was tun!?

13. März: Es bleibt nichts anderes übrig: der Reiseplan wird komplett auf den Kopf gestellt – wir leben in den nächsten Tagen von Spontanität. Zunächst also Abbruch, Suche nach einem aktuellen Tagesziel. Was bietet sich an in Rheinhessen: natürlich ein Stellplatz beim nächsten Winzer! Den finden wir in Gau Algesheim beim Weingut Gerharz. Wir haben das Glück auf eine private Weinverkostung mit Winzer Peter Gerharz. Er erläutert uns sein Motto „exklusive Qualität trotz hoher Quantität“ und stellt uns das umfassende Sortiment schmackhafter Tropfen vor. Nach zwei Stunden ziehen wir uns mit einigen Fläschchen der Rebsorte Sauvignon Blanc in unsere „mobile Quarantäne“ zurück.

Willkommen im Weingut Gerharz

14. März: Am nächsten Tag unternehmen wir eine Wanderung zum Bismarckturm. Der Bismarckturm!? Wir lernen: Bismarcktürme, die zwischen 1869 und 1914 in Deutschland, Europa und weiteren Ländern zu Ehren von Otto von Bismarck errichtet wurden, gibt es fast wie Sand am Meer – von 240 Bismarcktürmen und -säulen stehen auf den heutigen Gebieten von Deutschland, Frankreich, Tschechien, Polen, Russland, Österreich, Kamerun, Tansania und Chile noch 173 Bauwerke – allein in Deutschland noch 146 – als Folge einer beispiellosen Bismarck-Verehrung. Wir genießen den Ausblick über Rheinhessen – bis hin nach Rüdesheim und zum Niederwalddenkmal.

Bismarckturm

14./15. März: Wir entscheiden uns, am nächsten Tag nach Rothenburg ob der Tauber zu fahren. Wir sind der zweite Gast auf dem schön gelegenen Campingplatz „Tauber Romantik“, der seinem Namen alle Ehre macht. Er kann mit einer komfortablen Ausstattung punkten und liegt wenige Gehminuten unterhalb des Zentrums im Dorf Detwang, im idyllischen Taubertal. Wir würden gerne die kleine, tausendjährige, romanische Kirch St. Peter und Paul besichtigen, welche einen sehenswerten Altar von Tilman Riemenscheider aus dem Jahre 1508 beherbergt. Doch: leider geschlossen.

Bunte Auslagen warten vergeblich auf Käufer …
Folgen der Corona-Krise: Das Traditionsunternehmen Käthe Wohlfahrt mit Sitz in Rothenburg o.d.T. hat im Dezember 2020 Insolvenz beantragt.
In Rothenburg fällt uns natürlich ein Plakat ins Auge: es geht um Geister und Hexenwerk. Und so kommen wir uns auf vor: die sonst so lebhafte Stadt ist – wie ausgestorben. Und das bei Tag als auch am Abend.
Die Original Rothenburger Schneeballen sind ein über 300 Jahre altes in Pflanzenfett gebackenes Mürbegebäck. 
Fast wie eingesperrt: Kontaktbeschränkungen überall
Panoramaweg
Panoramaweg

Rothenburg zählt sich zu den schönsten Kleinstädte Deutschlands – umgeben von mittelalterlichen Stein- und Fachwerkhäusern taucht man beim Gang durch die Altstadt in eine malerische Atmosphäre ein, die es so ansonsten kaum zu finden gibt. Es gibt sicherlich viele weitere Gründe (Sehenswürdigkeiten, Museen, Fotomotive, Veranstaltungen), die einen Besuch lohnenswert machen. Was uns diesmal bleibt, sind Besichtigungen „von außen“ – sowie Wanderungen auf Panoramawegen und die Mühlenwanderung im romantischen Taubertal.

15./16. März: Unser nächstes Ziel ist der Titisee, einer der schönsten Seen im südlichen Schwarzwald.

Der 20-40 Meter tiefe See entstand in der letzten Eiszeit vor circa 10.000 Jahren. Der Titisee wird hauptsächlich vom Seebach gespeist und entwässert in den Hochrhein. Es versteht sich nahezu von selbst, dass die Wasserqualität regelmäßig mit der Note „sehr gut“ bewertet wird. Im glasklaren See tummeln sich große Raubfische wie Hechte (der größte soll mit 1,40m gemessen worden sein), Zander, Forellen sowie etliche Kleinfischarten. Insbesondere können Schleien im schlammigen Einlaufbereich des Seebaches Gewichte von mehreren Kilogramm erreichen.

Der Titisee an einem ruhigen Märztag

Wir umrunden den ca. 1 qkm großen Titisee auf einer 7,4 km langen, abwechslungsreichen Tour mit interessanter Flora und Fauna entlang des Ufers, mal am Tag, mal am Abend – jederzeit mit herrlichem Blick auf den See und die angrenzenden Berge.

Um den See ranken sich – natürlich – viele alte Sagen und Schauergeschichten. So erzählen die Anwohner, dass Bootsfahrer an manchen Tagen die Turmspitze eines versunkenen Klosters sehen und dessen Glocken läuten hören könne. Leider finden wir in der aktuellen Einsamkeit niemanden, der uns mehr dazu erzählen könnte.

Die Abendsonne senkt sich über dem Hochschwarzwald

Von vielen wird die Seestraße in Titisee als die schönste Flaniermeile des Schwarzwaldes bezeichnet. Jährlich bis zu 2 Mio. Besucher gehen hier angeblich in den zahlreichen Geschäften und Souvenirshops auf Entdeckungsreise. Wir sind nahezu alleine unterwegs. Abends im Wohnmobil sehen wir einen ARD Brennpunkt mit einem Bildbericht, wie einsam es derzeit hier doch ist…

Allein unterwegs …
… an einem schönen Märztag
Das geht unter die Haut
Wir wandern hinauf auf knapp 1.000m
… zum höchstgelegenen Bahnhof Deutschlands
Kleine Stärkung in Erich´s Schnapshäusle

Beim Abstieg machen wir uns so unsere Gedanken um die Zukunft unserer Wälder …

16./17. März: Freiburg im Breisgau. Wir finden einen netten kleinen Campingplatz unweit vom Schwabentor, dem jüngeren der beiden noch erhaltenen Stadttore der mittelalterlichen Stadtbefestigung, unserem Eingang in die Altstadt.

Mitten im Schwarzwald bietet Freiburg normalerweise eine perfekte Kombination aus Stadterlebnis, Kultur, Natur oder kulinarischen Genüssen. Aufgrund der Einschränkungen sind touristische Aktivitäten allerdings auch hier nicht möglich. Das merken wir bei einem Spaziergang an der Dreisam entlang. Viele Studenten sind hier schon am frühen Morgen unterwegs, ohne Mundschutz, schwer atmend – in diesen Tagen vermittelt uns das kein angenehmes Gefühl …

Wir begnügen uns mit einem kontaktfreien Spaziergang durch die Altstadt , können aber immerhin das Freiburger Münster ausgiebig und in Ruhe von außen und innen besichtigen. Es ist ein nationales Kulturdenkmal mit dem „schönsten Turm auf Erden“ und gehört zu den wenigen gotischen Großkirchenbauten, die noch im Mittelalter vollendet wurden und die zahlreichen Kriege nahezu unversehrt überstanden.

Unverhofft kommt oft: Wir finden in unmittelbarer Nähe des Münsters eine der wohl spektakulärsten Dachterrassen in Freiburg:  die Roofbar des Restaurants „Skajo“! Der 360 Grad-Rundumblick auf Freiburg, den Schlossberg bis hin zu den Vogesen ist gigantisch. Wir lassen uns „mit Abstand“ verwöhnen und genießen herzhafte Speisen und den ein oder anderen leckeren Cocktail.

Chillen in der Skajo-Roofbar hoch über den Dächern von Freiburg bei herrlichstem Wetter

  • Schwabentor
  • Meyerhof
  • und unser persönliches Highlight …

… ökologisch korrektes Klo-Papier-Hamstern 🙂

… einfach „Zum Schießen“ …

17./18. März: Wir machen uns auf gen Norden via Schwarzwaldhochstraße Richtung Mummelsee. Zunächst aber noch ein paar Wandereinheiten:

Unzählige Sagen, Schauergeschichten, Erzählungen über seltsame Gestalten ranken sich um den Mummelsee.

18./19. März: Wir übernachten ein paar Kilometer weiter nördlich noch ein letztes Mal, einsam auf dem Großparkplatz direkt an der B500, auf dem Parkplatz Hundseck/Bühlertal.

Ein echter Geheimtipp – bei dem grandiosen Ausblick über den Oberrheingraben bis nach Frankreich; und das bei einem ganz außergewöhnlich farbenprächtigen Sonnenuntergang.

19. März: Baden-Baden. Dann aber hat uns der Corona-Blues eingeholt. Ein paar Tage früher als ursprünglich geplant brechen wir unsere Tour ab und machen uns auf den Heimweg. So einfach man im WoMo kontaktfrei reisen kann, so gut wie man allen Kontakten ausweichen kann, so grummelt es einem doch im Magen und wir wollen lieber nach Hause, um nach dem Rechten zu sehen.

Wir machen noch ein Zwischenstopp in der Lichtenthaler Allee in Baden-Baden-Oos, genießen die frühlingshaften Aussichten – aber natürlich auch hier ist das öffentliche Leben weitergehend lahmgelegt. Ein letzter Cappuccino – dann ist unsere seltsame Irrfahrt, die eigentlich nach Prag gehen sollte, GESCHICHTE…

Statt Schachturnier in Prag: es bleiben nur ein paar Andenken an ein Turnier, das gar nicht stattgefunden hat.

Fazit: Erstens kommt es anders, … Wir hatten das Glück, dass wir Mitte März – überrascht von ungeahnten Corona-Beschränkungen – mobil, quasi in „mobiler Quarantäne“, bei herrlichem Vorfrühlingswetter unterwegs waren und so zufällig den Anfangstagen der Pandemie relativ entspannt trotzen konnten. Bei herrlichem Wetter, isoliert und weitgehend ohne Kontakte, an wunderschönen Orten – aber letztendlich doch mit einem flauen Gefühl im Magen. Und permanent in der Ungewissheit, was die nächsten Wochen und Monaten wohl bringen würden. Aus zehn Tagen in der „Goldenen Stadt“ wurden sieben Tage Irrfahrt im Süden Deutschlands. Denn zu Hause warteten unklare Zeiten…

Heute, ein Jahr später, sind wir immer noch nicht schlauer und vor allem nicht „über den Berg“. Aber wir haben jetzt unser eigenes „Wombel“ – wenn es uns hinauszieht, sind wir gerüstet!!


PS: Zu Hause musste unserem Frust dann auch Raum gegeben werden – dazu habe ich ein kleines (Anfänger-)Video gebastelt:

La Corona – einmal wird es vorbei sein


Auf Irrfahrt durch den Süden

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.